Oh what a feeling

Teil 1

Der Kopf vollgestellt mit Bildern. Weniger schicke Galerie als staubige Kellerparzelle. Die Luft dort muffig und mein Drang das einzige Fenster aufzureißen so groß wie der stolpernd rückwärts zu fliehen…

Ich kann kaum auf meine Eltern blicken. Weil sie als wir verblasst sind und weil sie immer gestritten haben als mein Vater noch da war. Hinter verschlossenen Türen und mir versichernd alles würde gut werden. Dabei ran die Angst durch sämtliche Ritzen und fraß sie langsam auf. Woran lag es, dass nur ich das sehen konnte ?

Kurz bevor er für immer geht sitze ich mit ihm am Fenster, mein Kinderherz pocht hart in kleinen Schmerzen mit den Schritten meiner Mutter. Weg von uns, unterwegs zu irgendeiner politischen Versammlung. Bald wird die Mauer fallen und hier in der Wohnung fallen nur wir. Zurück bleibt Schmerz, der scheppernd alle Versuche übertönt uns zu retten. Schwer Verletzte in diesem Kampf in dem es mich nur als Verhandlungspfand gibt und in dem ich kein bisschen zu entscheiden habe. “ Nichts wird sich ändern. “ sagt mein Vater und LügeLügeLüge, denn alles ändert sich und die einzige Wahrheit, dass nichts so bleiben wird wie es ist.

Meine Mutter und ich sind allein. Sie arbeitet hart und ich weiß nichts davon. Ich merke nur wie müde sie Abends ist. Manchmal gereizt. Traurig auch. Ich strenge mich in der Schule besonders an obwohl ich auch traurig bin. Weil mein Vater weg ist. Manchmal kommt er mich nicht abholen obwohl er es versprochen hat. Ich bin dann gemein zu ihr, die alles tut um die Scherben wieder zu einem Kind zusammenzusetzen. Wenn ich bei meinem Vater und seiner neuenanderenjetzigen Familie bin, überhäuft er mich mit Geschenken und guter Laune. Er erzählt mir, dass meine Mum selbst schuld ist. Wenn ich zu meiner Mutter zurückkehre, bin ich noch gemeiner. Weil ich sie auch für schuldig halte, weil ich von ihr nie mit Geschenken überhäuft werde aber ihr beim Abwasch helfen oder mein Zimmer aufräumen muss.

Meine Mutter kämpft, auch mit ihrem Körper. Dagegen nicht dafür. Ich finde sie trotzdem schön und mich bald nicht mehr, weil ich lerne das nur zählt was Andere über mich denken.

Mein VaterderOnkeldieangeheirateteTantemeineStiefmuttermeineCousins haben alle eine Meinung zu meinem Körper. Er ist zufällig der einzige Körper, der jünger ist und weiblich gelesen wird. Für ihn gibt es einen streng abgezirkelten Kodex. Er wird bei jedem Familienfest begutachtet und die fein justierten Koordinaten in denen er existieren darf, auf die leisesten Abweichungen gescannt. Wo kämen wir auch hin, wenn er einfach ein heranwachsender Körper sein und sich frei entfalten dürfte. Ohne Reglementierung.

Wir sind arm und ich weiß nichts davon. Mir mangelt es an nichts und dass ich trotzdem meinen Hunger nicht stillen kann, liegt nicht an meiner Mutter. Ich verschlinge gierig alles, was nach Leben riecht und komme bald mit dem Verarbeiten nicht mehr hinterher. Ich fange an mein Essen zu erobern, zu kontrollieren, zu überwachen, zu vernichten. Wenn ich kotze, kotze ich auf alles und keiner hat mehr Macht über mich. Diese Kämpfe enden in Magensäure aufgelöst, die mir manchmal in die Lippen ätzt.

Mein Vater wird größer in seiner zunehmenden Abwesenheit, ich erinnere ihn in jedem Kommentar zu meinem Körper jeder einzelnen Person überall.

Meine Mutter wird kleiner weil ich anfange immer länger weg zu bleiben. Ich habe jetzt auch eine neue Familie, sie ist genauso dysfunktional wie die alte, aber sie ist selbstgewählt. Ich verbeiße mich in mein Zugehörigkeitsgefühl so fest wie ich kann und werde vom neuen wir mehr als einmal überwältigt. Wir sind Punks, wir sind die Guten, wir haben die Herzen voll und Köpfe aus Beton.

Meine Mutter glaubt an mich, verteidigt mich vor allen und ich weiß nichts davon. Ich sehe nur wie sie wütend an meinem Krankenhausbett steht und mich anschreit, weil ich hätte sterben können. Ich starre in einen Spiegel und wundere mich lange wie ich hier gelandet bin.

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