Podaj mi rękę swą

Bestellt hatte ich das so nicht. Bin eher zufällig darüber gestolpert. Wahrscheinlicher hat 1 mir heimlich ein Bein gestellt. In einer meiner Lieblingstheorien spielen zudem Löcher im Raum-Zeit-Kontinuum eine Hauptrolle. Regenbögen gab es und sicher wären noch Einhörner vorbeigezogen, wenn ich nicht fluchtartig das Areal verlassen hätte.

Nicht, dass mir das etwas genutzt hätte.

Was war passiert ?!?

Eben noch manövrierte ich mit sacht schlagendem Herzmuskel durchs Leben, der mal hier friend crushte und da beim Anblick silbrig glitzernder Menschen beim Tanzen aussetzte, aber stets schmuck im Rahmen blieb. Zum Aufhängen an die Wand. Doch dann ging der Rahmen kaputt, alles lief aus dem Ruder und mir über die nackten Füße…und plötzlich stampfte mein Herz in Kalashnikov beats, furchtbar eckigen,  die mir meine Brust unter dem Binder zu sprengen drohten.

Da stand ich nun. Verdattert und ratlos. Mit allerlei frischem sperrigem Gefühlsgut. Wühlte in meinen Hosentaschen nach Worten und fand mich nicht wieder.

Ich hätte gern Dinge gefragt wie „Gibt es das auch als Pizza ?“ oder “ Wo bitte kann ich das umtauschen ?“.

Leider gibt es keine Crushrückannahmestelle : “ Jaa, hier…. also das passt mir gerade nicht so gut…ich muss morgen früh aufstehen, die Revolution wartet auch nicht und ich habe gerade diesen catchy Antiliebungssong mit meiner Band geschrieben, wie sieht denn das aus ?“

Mir war klar, dass DAS Menschi, wegen dem rundum gut ausgestattete Gefühle die Gegend um das Herz besetzten, auch nur mit Wasser kochte. Das war aber gar nicht das Thema. Es wurde so weich in mir und alles füllte sich mit Zart in dessen Nähe.

Ich versuchte es trotzdem erstmal mit Ringen. Mit mir um genau zu sein. Ich äugte misstrauisch auf die Herzbesetzungsfühls, sie äugten frech zurück, nahmen sich die guten Kekse aus dem Geheimfach und verschütteten Bier auf der Couch. Ich verweigerte empört ihre Annahme, sie drehten erst recht auf. Stürzten mich ins Chaos.

Dass etwas mit mir passiert war und das nicht so eben vorbeigehen würde, merkte ich als ich versonnen den Bildschirm meines Mobilfunkgerätes streichelte auf dem die ersten Nachrichten des Menschis blinkten.

Na gut.

Ich freundete mich nicht gleich mit diesen Starkstromgefühlen an, aber ich duldete sie. Es gab viele Kämpfe zu absolvieren auf dem Weg dahin, sie hatten etwas mit „Wie-rede-ich-nicht-in-jedem-zweiten-Satz-über-das-Menschi-und-vergraule-all-my-friends“ zu tun und auch mit „Wie-oft-kann-ich-ramontische-Songs-von-againstme-hören-ohne-das-die-Ohren-bluten“…ich meisterte das mit Abzug in den B-Noten.

Womit ich nicht gerechnet hatte:  die Gefühle, die bis jetzt in der Herzgegend randaliert hatten, waren nur die Vorhut.

Was dann kam, war das Mordor der Gefühlspalette. Eifersucht, Neid, Unsicherheit bis zum Mond und zurück. Im Gegensatz zu Einigen halte ich aber nichts davon diese Gefühle wegzudrücken und als überflüssig einzuordnen oder mich selbst noch dafür zu zerfleischen. Ich stellte lieber Stühle auf, verteilte die Chips gerecht auf alle Schüsseln und hörte mir an, was sie so zu sagen hatten. Ich habe viel dazugelernt.

Ex-Teenage-Me hatte zahlreiche Gastauftritte…es erinnerte mich daran wie 1 Mixtapes bastelt, sich fest um ein Kissen wickelt und träumt, ein Einladung-zum-auf-Dächer-klettern-und-auf-Bürgersteigen-die-Nasen-in-die-untergehende-Sonne-halten-Zine erblickte das Neonlicht meiner Schreibtischlampe. Eine schöne Zeit. Ich war zufrieden mit mir und der Welt. Denn Letztere summt in einem ganz eigenen Ton, wenn du verliebt bist und nachdem mich das siebte Menschi angelächelt hatte auf dem Weg zum Tagesgeschehen dachte ich auch nicht mehr, dass sie Personen meinen, die hinter mir spazieren gehen.

Die Nächte waren hart. Immer. Tagsüber leise pochendes Sehnsuchtsschnurren verwandelte sich nach Sonnenuntergang in tosendes Riesengestürme. Dass durch den Bauchraum splatterte. Tagsüber nur ein schwacher Fetzen lag es im Dunkeln wie Beton auf mir und drückte mich tief in die Laken. Das Stöhnen aus Sommerabendfenstern die neben meinem stayhomeclub wohnten machten es nicht einfacher.

Selbstverständlich habe ich darüber nachgedacht, DEM Menschi mein Herz zur Ansicht freizugeben :   “ Das ist also mein Herz, es klopft sehr hübsch, magst du hören?  Hier wohnt die Liebe zu meiner Wahlfamilie, meinem Bett, netflix und meinen polnischen New Wave Platten…und DA wohnen die Gefühle für dich…ja, ich finde auch, dass das ganz schön viel Platz ist…willst du es mal kurz halten ?!? Ich habe Ketchup dabei. “

Ach nein.

Meine ständigen Begleiterinnen, anxiety und introweirdness, taten den Rest.

Das Schöne in der Verliebung ohne Erwiderung ist außerdem, dass du die eine gute funktionierende Beziehung führen kannst. Mit dir selbst und deinen Gefühlen und all denen, die sich immernoch tapfer deine Schwärmereien anhören und dich fest drücken und dir erzählen, das alles gut wird.

Du kannst durch die Wohnung hüpfen und dir dabei vorstellen, dass ihr am liebsten zur selben Musik tanzt. Eure Gespräche sprühen wie vegane Schlagsahne und wenn ihr euch schüchtern zufällig an den Händen berührt, kannst du Nervenbahnen in Aktion erleben.

Wann immer ich das DAS Menschi in ECHT traf, war ich eine wandelne Schockstarre. Wo vorher Sprachvermögen und eine reichhaltige Themenauswahl zur Verfügung standen, durchzogen mein Hirn nun rieselnde Sandstürme. DAS Menschi mochte mich trotzdem. Vielleicht gab es durchaus Momente in denen wir redeten. Wenn ich die Kalashnikov beats leiser drehen konnte zum Beispiel.  Je mehr ich über DAS Menschi erfuhr, desto toller fand ich es. Als wir uns zum ersten Mal zum Abschied drückten, wäre ich danach fast vor ein Auto gelaufen.

Neulich sah ich das Menschi auf einer Party mit jemand Anderen. In Eindeutigkeit verschlungen. In der schönen neuen Polywelt sollte ich ja darüber stehen, deswegen wohne ich auch woanders. Ich lief nachhause, rollte mich unter meiner Kuscheldecke zu einem Kringel zusammen und wälze mich seitdem in Cure Liedern.

Irgendwann werde ich auch wieder herauskommen.

Versprochen.

 

Bis dahin: besucht mich ruhig mal…und bringt doch bitte Kekse mit <3.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oh what a feeling

Teil 1

Der Kopf vollgestellt mit Bildern. Weniger schicke Galerie als staubige Kellerparzelle. Die Luft dort muffig und mein Drang das einzige Fenster aufzureißen so groß wie der stolpernd rückwärts zu fliehen…

Ich kann kaum auf meine Eltern blicken. Weil sie als wir verblasst sind und weil sie immer gestritten haben als mein Vater noch da war. Hinter verschlossenen Türen und mir versichernd alles würde gut werden. Dabei ran die Angst durch sämtliche Ritzen und fraß sie langsam auf. Woran lag es, dass nur ich das sehen konnte ?

Kurz bevor er für immer geht sitze ich mit ihm am Fenster, mein Kinderherz pocht hart in kleinen Schmerzen mit den Schritten meiner Mutter. Weg von uns, unterwegs zu irgendeiner politischen Versammlung. Bald wird die Mauer fallen und hier in der Wohnung fallen nur wir. Zurück bleibt Schmerz, der scheppernd alle Versuche übertönt uns zu retten. Schwer Verletzte in diesem Kampf in dem es mich nur als Verhandlungspfand gibt und in dem ich kein bisschen zu entscheiden habe. “ Nichts wird sich ändern. “ sagt mein Vater und LügeLügeLüge, denn alles ändert sich und die einzige Wahrheit, dass nichts so bleiben wird wie es ist.

Meine Mutter und ich sind allein. Sie arbeitet hart und ich weiß nichts davon. Ich merke nur wie müde sie Abends ist. Manchmal gereizt. Traurig auch. Ich strenge mich in der Schule besonders an obwohl ich auch traurig bin. Weil mein Vater weg ist. Manchmal kommt er mich nicht abholen obwohl er es versprochen hat. Ich bin dann gemein zu ihr, die alles tut um die Scherben wieder zu einem Kind zusammenzusetzen. Wenn ich bei meinem Vater und seiner neuenanderenjetzigen Familie bin, überhäuft er mich mit Geschenken und guter Laune. Er erzählt mir, dass meine Mum selbst schuld ist. Wenn ich zu meiner Mutter zurückkehre, bin ich noch gemeiner. Weil ich sie auch für schuldig halte, weil ich von ihr nie mit Geschenken überhäuft werde aber ihr beim Abwasch helfen oder mein Zimmer aufräumen muss.

Meine Mutter kämpft, auch mit ihrem Körper. Dagegen nicht dafür. Ich finde sie trotzdem schön und mich bald nicht mehr, weil ich lerne das nur zählt was Andere über mich denken.

Mein VaterderOnkeldieangeheirateteTantemeineStiefmuttermeineCousins haben alle eine Meinung zu meinem Körper. Er ist zufällig der einzige Körper, der jünger ist und weiblich gelesen wird. Für ihn gibt es einen streng abgezirkelten Kodex. Er wird bei jedem Familienfest begutachtet und die fein justierten Koordinaten in denen er existieren darf, auf die leisesten Abweichungen gescannt. Wo kämen wir auch hin, wenn er einfach ein heranwachsender Körper sein und sich frei entfalten dürfte. Ohne Reglementierung.

Wir sind arm und ich weiß nichts davon. Mir mangelt es an nichts und dass ich trotzdem meinen Hunger nicht stillen kann, liegt nicht an meiner Mutter. Ich verschlinge gierig alles, was nach Leben riecht und komme bald mit dem Verarbeiten nicht mehr hinterher. Ich fange an mein Essen zu erobern, zu kontrollieren, zu überwachen, zu vernichten. Wenn ich kotze, kotze ich auf alles und keiner hat mehr Macht über mich. Diese Kämpfe enden in Magensäure aufgelöst, die mir manchmal in die Lippen ätzt.

Mein Vater wird größer in seiner zunehmenden Abwesenheit, ich erinnere ihn in jedem Kommentar zu meinem Körper jeder einzelnen Person überall.

Meine Mutter wird kleiner weil ich anfange immer länger weg zu bleiben. Ich habe jetzt auch eine neue Familie, sie ist genauso dysfunktional wie die alte, aber sie ist selbstgewählt. Ich verbeiße mich in mein Zugehörigkeitsgefühl so fest wie ich kann und werde vom neuen wir mehr als einmal überwältigt. Wir sind Punks, wir sind die Guten, wir haben die Herzen voll und Köpfe aus Beton.

Meine Mutter glaubt an mich, verteidigt mich vor allen und ich weiß nichts davon. Ich sehe nur wie sie wütend an meinem Krankenhausbett steht und mich anschreit, weil ich hätte sterben können. Ich starre in einen Spiegel und wundere mich lange wie ich hier gelandet bin.

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Milchglas

Erinnerung eingewickelt in Geruch. Nach abgetragenem Leder, F6 Zigaretten und dem süßsauren Geruch von Alkohol unter Schichten wrigleys Kaugummi. Ich schiebe mir Streifen für Streifen in den Mund oder vielleicht berge ich sie auch. Es sind immernoch gezackte Linien darauf, ich fahre ihnen mit den Fingern nach als wäre dort ein Weg hinaus. Moment überzogen mit milchigem Film. Gegoren mindestens. Versuche ihn abzuwaschen. Auswaschen. Schrubben. Schrubschrubschrub. Mit Stahlwollengedanken. Ich will wieder clean sein. Pur. Rein. Mit dem Duft nach billiger Apfelseife und dem Buntwaschmittel für das ich Gutscheine habe.

So ist das mit uns die wir zu lange in den Abgrund gestarrt haben. Aber eigentlich habe ich nicht gestarrt. Schon gar nicht freiwillig. Da hat einer meinen Kopf gepackt, meine Haare erst wegen ihrer Weichheit gelobt und sie dann zu einem losen Knoten geformt. Diesen meinen Knotenkopf mit dem Körper dran zum Abgrund geschleift und mich gezwungen hineinzusehen. Mein Leben aufgehängt an Eisenhaken voll Angst und Blut und Scheiße und Schmerz. Tief eingerammt. In ichweißnichtwas. Fleisch. Körper. Nicht die Seele.

Manchmal kann ich mich nur wundern, dass nicht alle sehen können. Wie das Grauen durch meine Adern wummert, mir ein ewiges Fürchten die nackten Arme herunterrinnt, ich gurgelnd im Abfluss verschwinde.

Dann nur noch ein zartes Glimmen an mich erinnert.

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Ich starre von draußen auf die Glücklichen, die in Unkenntnis und Nichterfahrung waten. Beneide sie hart während ich durch ihre Augen auf ihre orange leuchtenden Leben schaue und ihnen jeden behüteten Bissen neide.

Ich niste mich ein, ich weiß nicht wo. Ich verpuppe mich, ich weiß nicht in was. Bevor ich mich wieder hinter Notlösungen verschramme zerschmettere ich lieber. Mit einem klirrenden Lachen alle rostigen Verbindungen.

Was übrigbleibt, ist.

Hinter dem Staub

Töne rollen unter meine Haut, weiches Ausbreiten in die wachende Dunkelheit. Ich lehne mich an scheu funkelnde Gedanken und reiche ihnen vorsichtig meine Hand. Es ist soviel Aufruhr und Liebe in ihnen, ich kann sie nur noch in die große weite Welt hinausschicken.

<a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/"><img alt="Creative Commons License" style="border-width:0" src="https://i.creativecommons.org/l/by-nc-sa/2.0/88x31.png" /></a><br />This work is licensed under a <a rel="license" href="http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/">Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic License</a>.

“ Dust As Gold “ by André Fromont https://flic.kr/p/c5KxQ9

 

Was verbirgt sich in diesem zittrigen Leuchten in meiner Brust ? Wie gerne huldige ich der Zartheit in jedem Atemzug. Was mir einst entglitt, fließt moosgrün perlend in meine Adern zurück. Ich schmecke Erde und Schmerz und es ist ein Schreien und Blut und Tränen. Doch darauf wachsen Federn, bald schon ausgewachsene Schwingen und der Blick zurück ist nicht mehr meiner.

Wie gern hätte ich dir erzählt, was mir Spitzen in meinen wimmernd wummernden Herzmuskel trieb, aber wortgebaute Rettung gab es nicht. Ich musste tiefer tauchen und weiter schwimmen als je zuvor. Ich bin nicht, was mich zurückließ. Wo ich gewesen bin, hörte ich auf zu existieren. Fesseln aus eisenharter Unaussprechlichkeit hinterließen aufgeriebene Abdrücke auf meiner heißen Haut. Überall.

Hier treibt Sehnsucht Fell und schnurrt samten an mich heran. Schon tanzen wir zu Rae Spoons “ Ocean Blue “ und es kann nicht besser sein. Den letzten Schluck Musik trinke ich hastig und verschwinde verwundet durch die Hintertür…ich kann mich nicht nochmal riskieren.

Lieber umarme ich Traurigkeit, alt gewordene Freundin. Ich kenne sie gut und verstehe kaum die Angst der Anderen. Sie ist schön und gnadenlos und trägt den Abgrund wie ein Lachen auf ihren Lippen.

Wie hungrig ich geworden bin. Bevor ich dich zerfleischen kann, gehe ich. Immer voran. Immer jetzt. Würde ich morgen sterben, würde ich mich trotzdem nicht von deinem Hätte aufhalten lassen.

Ich habe dich endlich abgestreift.

Dahinter ist nur, was noch nicht war.

Sing to me- Identitätsmosaik Teil 1

(TW- Beschreibung sexualisierter Übergriffe )

Hinter vernarbten Schichten Panzerhaut wohnt, in einem mit Sprüngen übersäten Seelenglas:

Dieses Gefühl.

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In einem wachen neugierigen bücherverschlingenden Kind.

Ein Mädchen dann, Zuschreibungen inklusive. Eines, das sich wohl fühlt in seinem verläßlichen Körper mit dem es auf Bäume klettern und lange rennen kann ohne aus der Puste zu kommen. Das schüchtern ist und dann an „falscher Stelle“ den Mund aufreißt. Dem die Erwachsenen schon früh erzählen, wie „naseweis“ es wäre oder dass das was es gerade als seine Wahrheit ausgesprochen hat „sich nicht gehören würde laut zu sagen“. Das mit anderen Kindern im Urlaub eine Bande gründet und Geheimtreffen abhält. Ronja, die rote Zora und Zwiebelchen mit seinem revolutionären Gemüsefreund_Innen immer an seiner Seite.

Irgendwann ist es kein Kind mehr, aber die Erwachsenensachen sind auch nur verstörend. Wenn es Erwachsensein ist, bittere braune Brühe zu trinken, stinkige Zigaretten zu rauchen oder seltsame Witze zu machen, die es nicht versteht und alle Großen lachen komisch…dann können sie ihr Erwachsensein behalten.

Sich immer öfter gegen Ungeheuer(liches) verwehren müssen. Der ältere Junge, der ihm Kaugummi und einen kleinen Anhänger schenkt und sagt, wie hübsch es wäre. Der SowasWieEinOnkel, der ein Foto schickt, auf dem es 13jährig bei einer Familienfeier auf einem Stuhl im Garten sitzt. Auf die Rückseite schreibt er “ ein Bild auf dem man sieht, was (      ) für schöne Beine hat“. Der Vater, der von den „weiblichen Formen“ redet, die es langsam bekommen würde und „zickig“ nennt als es sagt, wie unangenehm ihm diese Aussagen sind. Der alte Mann im Schwimmbad, der sich im Wasser anfasst und dabei herübersieht. Der Mann mit den behaarten Unterarmen, die er in der Straßenbahn links und rechts plaziert und sich an es presst. Es schluckt schwer an all dem Ekel, der Angst und dem Gefühl von Ausgeliefert-Sein in solchen Augenblicken. Schlimmer noch, weil es für die Erwachsenen manchmal keine besondere Sache zu sein scheint.

Wie all das aber trotzdem nicht den Hunger nach Leben, nach Verstehen und Erfahren stoppen kann.

Die alten „Das Magazin“ Hefte der Eltern…und die grauweiß-gestreifte Schlafanzugshose, die feucht wird. Vergleiche der Frauen auf den Bildern, die schön sind, mit dem eigenen Körper. Sich fragen, was da noch kommt. Unsichergefärbte Vorfreude und dieses warmen Ziehen im Unterleib. Abende vorm Radio, in der umarmenden Dunkelheit Hände, die sich manchmal nicht mehr wie die eigenen anfühlen. Salt’n’Pepa singen über Sex. Aufregung in Melodie gegossen.

Mit 11 das erste Mal verliebt sein. In einen Jungen drei Klassen höher. Die Erwachsenen feiern das. Den Freundinnen legt es erzählenderweise jede kleine Begegnung auf dem Schulhof in die Hände wie besonders zerbrechliche Schätze.

Es ist kühler Mai als es das nächste Mal verliebt ist. Dieses Mal kann es niemandem davon erzählen. Das spürt es. Sie ist eine Freundin der Mutter, großgewachsen und hat braune Augen. Ihre Haare leuchten in der Nachmittagssonne. Sie ist lustig und als sie einmal zufällig sein Knie streifend sagt: “ Oh, ich dachte, du hättest eine Strumpfhose an, so braun wie deine Beine jetzt schon sind“ glaubt es den Moment entlang in etwas wunderbar Strudelig-Heißes zu versinken. Eine wieder und wieder nachcolorierte Erinnerung, die es lange Monate vorholt während es sich beim Betrachten wegsehnt.

Mit 16 küsst es auf einer Party zum ersten Mal ein anderes Mädchen. Sie hören dabei Billy and the Willies. Der Song „She’s nice“ landet auf dem Mixtape und ist konserviertes Herzklopfen, weiche Haut überall. Das blauweiß-karierte Taschentuch, das nach dem anderen Mädchen riecht, wochenlang in der Jackentasche festhaltend. Völlig hingerissen von dem anderen Mädchen mit seinen kurzen bunten Haaren, wie es immer in einem grünen Parka versinkt und Sonic Youth liebt.

Die erste gay-Party besucht es mit zitternden Beinen und trockenem Hals. Es tanzt die ganze Nacht, verträgt den Alkohol nicht und wird irgendwann auf der Tanzfläche von einer älteren Frau hart auf den Mund geküsst. Beschämt sein und flüchten ist eins. Am nächsten Tag wird ein Freund die Nummer der blonden butch mitbringen, die die ganze Zeit mitreißend rübergelacht hat. Es wird sich nicht trauen, anzurufen.

Kurz darauf muss es vom Gymnasium abgehen, zuviel Fehlzeiten und „schlechte Leistungen“ im Verbund. Die Direktorin wird beim Abschlussgespräch sagen dass es „ohnehin nie hierher gepasst hätte“. An der neuen Schule gibt es keine Punks, aber dieses Metal-Mädchen in rot-schwarz-karierten Flanellhemden und Lederhosen. Das Metal-Mädchen mit seinen witzigen Comics, in denen es die kaputten Erwachsenen zeichnet, die dröge Schule und was es bedeutet, Außenseiterin zu sein. Bald darauf entdeckt das Metal-Mädchen Batcave und sie können Stunde um Stunde in dem Zimmer des Metal-Mädchens sitzen, süßen Wein trinken und über Musik reden. Sie schreiben abwechselnd Geschichten zusammen und lesen sich ihre Gedichte vor. Sie werden das Punk/Gothic-Duo in der Schule. Bis an die Zähne bewaffnet mit ihrem Anderssein und ihrer gegenseitigen Zuneigung setzen sie sich hinweg über alle dummen Sprüche, vor allem von der Gruppe Nazijungs, die vor der Schule warten. Einmal sogar handgreiflich werden. Das Metal-Mädchen ist nun Goth, in langen Samtkleidern und Pikes. Sie lieben sich nicht nur wie Schwestern, aber das merken sie erst als sie mit anderen zusammen sind. Sich schon großflächig verletzt haben und sich nur noch in ein Dazwischen trauen, in dem sie heimlich auf Toiletten oder in Ecken weit weg von den Anderen ineinander verschlungen die Welt auf Zweisamkeit reduzieren.

Dann der Beginn der Eiszeit, in der es fast stirbt.

Schwerst verwundet durch die sadistische Gewalt einer Person, die vorgibt zu lieben, friert es sich im Körper ein und kommt lange nicht mehr irgendwo an.

Es ist jetzt auf der Flucht.

Nur noch im Vergessen zuhause, dem einzigen Ort, wo nichts schmerzen kann…

Nudeln mit Ketchup

Lange schon schleiche ich um das Thema und nähere mich vorsichtig aus allen Himmelsrichtungen:

Armut ist immer das, was bei anderen noch viel schlimmer aussieht.

Mit dem Finger auf den Abgrund zu zeigen, welcher sich zwischen mir und anderen immer dann auftun respektive überhaupt erst sichtbar werden kann, wenn von Gelddingen die Rede ist. Schwer, so schwer.

Ich bin arm.

Damit ist nicht gemeint, dass ich mir das aktuelleste Iphone nicht leisten oder nicht nochmal in den Urlaub fahren kann, mir das 13. rare vinyl diesen Monat nicht kaufe oder doch eins der drei abonnierten Magazine abbestellen muss. Das sind Luxusprobleme, liebe Freund_Innen des Konsums und für derlei Lifestylefragen bitte ich andere blogs aufzusuchen. Küsschen und winke winke.

Ich bin arm und habe Angst das Ausmaß meiner Armut vor euch auszubreiten.

Ich will kein Ausstellungsobjekt für diejenigen sein, die mich dann mitleidig betrachten können um sich danach entspannt zurücklehnen und “ Puhh, die Arme*, haben wir es gut“ zuzuflüstern. Mich so an die Stelle einer bemitleidenswerten Person platzieren…bloß weit genug weg von ihrer eigenen Lebensrealität.

Ich bin arm aber ich SCHÄME MICH NICHT MEHR DAFÜR.

Die Scham war bis eben mein unfreiwillig abgelegtes Schweigegelübde.

Ich bin sogar manchmal stolz: Dass ich es trotzdem schaffe klarzukommen.

Ich habe es satt mich defizitär zu fühlen, weil ich an die meisten Konsumgüter nur so nah herankomme, wie die Schaufensterscheibe es zulässt. Diese Welt war ohnehin nie die meine, was macht das also schon. Als ich Zonenkind das erste Mal mit meinen Eltern in einem westlichen Kaufhaus stehe, bin ich noch sehr sehr klein und alles um mich herum zu grell, zu bunt, zuviel. Ich bekomme Angst und will da schnell wieder weg ( die erste Tüte Nimm2 und ein Pumuckl-Buch trotzdem große Schätze in meinen Händen auf dem Weg nach Hause ).

Stolz, welchen ich aber teuer bezahle.

Wenn ich finanzielle Hilfen von Freund_Innen ausschlage, wenn ich nicht beantrage, was mir das Leben zwischen Studium, Arbeit und Kleinkindfürsorge ein wenig erleichtern könnte, wenn ich mich weigere, mich zum Essen einladen zu lassen oder erst nach langen Erklärungen, die Sätze wie“ Dann musst du aber versprechen, dass ich dich auch bald einmal einladen darf“ enthalten. Wenn ich keiner Menschenseele erzähle, dass ich nachts wieder nicht schlafen konnte beim Rechnungen im Kopf hin-und herschieben oder ob der Frage, wie ich die aktuelle Semestergebühr bezahlen soll. Lieber eine Woche Nudeln, am Ende gar ohne Ketchup, bevor ich das care paket der Freundin annehme.

Stolz, der sich in kleine harte Wutkugeln verwandelt,  wenn mir eines lang und breit erzählt, welche vegetarian shoes es als nächstes erwerben wird, zusätzlich zu den vier fast neuen, die bereits im Schrank stehen. Schnell schiebe ich mein abgetragenes (und einziges Schuh) Paar unter den Tisch und sage “ Ja, die halten echt ewig“.

Und…

Die Wirkung dieses Stolzes ist flächendeckender als ich wahrhaben will. Stülpt einen Mantel des Schweigens über diskriminierende Struktur. Ich sage nichts, niemals und nirgendwo. Schließlich bin ich stark und schaff’das auch ALLEINE, dankeschön. Nichts und niemand kann mir so etwas und so werde ich zur Mittäterin* beim Unsichtbarmachen dieser hässlichen Mechanismen die uns in Gewinner_ und Verlierer_innen teilen (sollen) . Mechanismen, die mich selbst betreffen.  Von Menschenhand geMACHT. Aus der Region und biologisch einwandfrei. Ich will die Arbeit am Erhalt eines menschenverachtenden Systems niederlegen, verweigern, nicht mehr mitmachen. Will nicht mehr zulassen, dass strukturelle Missstände auf Individuen heruntergebrochen werden und dort mit aller anhängenden Verantwortung liegenbleiben. Dass das Politische dadurch REprivatisiert wird.

“ Wenn du etwas wirklich willst, dann schaffst du es auch “ steht auf Transparenten von Menschen, die die Wettbewerbs- und Konkurrenzlogik dieser Gesellschaft längst so verinnerlicht haben, dass sie sie als die natürliche™ und nur folgerichtige Lebenshaltung erachten. Die sie dann gerne hochhalten während sie sich um mein persönliches „Versagen“ versammeln, mit den Fingern auf (vermeintliche) Fehlentscheidungen zeigend.

Meine Verantwortung liegt darin, hinzuschauen, wo ich selbst dabei mitmache und auf welche Art. Mich auch zu erinnern, welche Wege ich bis jetzt gegangen bin und warum. Ohne Wertung. Ohne mich selbst dafür herabzusetzen und zu verdammen.

Ehrlich zu sagen, dass ich manchmal vor Erschöpfung weine. Angst habe unter dem immensen ökonomischen Druck irgendwann einmal zusammenzubrechen. Das wunderbare Kind anschaue und mir die Brust wehtut, weil ich nicht weiß, ob ich mir nicht ganz gewaltig etwas vormache, wenn ich mir sage, dass es die gleichen Chancen wie alle anderen haben wird. Weil ich doch alles dafür in meiner Macht Stehende tue. Denn hier ist der Punkt, wo ich mir eingestehen muss, dass meine Macht eine kleine ist…und je mehr ich zeige, dass es trotzdem geht, nur die bestätige, die weiter oben benannte “ Du bist deines Glückes Schmied „ Marktpolitik für einzig wahr halten.

Ein Teufelskreis.

Der weitaus größere Anteil an der Verantwortung liegt doch bei denen, die privilegiert sind, die (mehr) MACHT haben, meiner Stimme und der Anderer Gehör zu verschaffen, Raum (ab) zu geben um dann zusammen Dinge zu ändern.

Bei einem respektvollen und konstruktivem Gespräch auf Twitter über diesen Text der Bloggerin Mama Miez ist mir wieder aufgefallen, warum ich nicht länger still sein will.

Es geht mir mitnichten darum, Eine mit Negativismus zu bewerfen, welche einfach etwas Nettes getan hat. Wer behauptet das 20 Euro auch nichts ändern würden, entlarvt sich selbst als privilegierte Person, die nicht weiß wie es sich im „prekären“ Bereich der Gesellschaft anfühlt. Das die Bloggerin Empathie gezeigt und offensichtlich mit ihrem post auch bei anderen geweckt hat, ist doch zu begrüßen.

Mich beschleicht beim Lesen nur einmal mehr das Gefühl, dass es am Ende wieder ausschließlich um das abfeiernde Bestätigen des eigenen (gesellschaftskonformen) Lebensentwurfes geht und die ältere Dame samt ihres offensichtlichen Elends zur Backgroundmusik degradiert wird…eine Begleitmelodie, welche unterstreicht wie menschlich und warmherzig eines selbst ist und nach Beifall heischt. Nun ist Mama Miez weder politisch motivierte Bloggerin noch will ich diese Tatsache be- oder gar abwerten. Ausgerechnet an ihr strukturelle Diskriminierung abzuarbeiten und sowohl sie als auch die ältere Dame in oben/unten Stellvertreterinnenrollen zu besetzen ist zudem anmaßende selbstgerechte Dialektik, die keinem Menschen etwas nutzt. Als hätten abwertende bis zynische Reaktionen jemals bedürftige Kühlschränke gefüllt oder wartende Rechnungen bezahlt.

Mich stört vielmehr, dass sich die meisten der Kommentator_innen eher mit der Großartigkeit der Autorin beschäftigen, unzählige Male wiederholen, wie toll das doch alles wäre und die eigentliche Alltagsheldin in dieser Geschichte dabei vollends im Hintergrund verschwindet.

Eine erneute Auflage von wir hier und euch dort. Erleichterndes Ausatmen, wenn eines sich auf der richtigen Seite befindet.

Wichtige Fragen, die auch in dieser Diskussion aufgeworfen worden, sind für mich vor allem die nach der Würde plus deren Aushängeschild, dem Stolz und wie von oben nach unten verteilt werden kann ohne das selbige berührt wird.

Ich möchte aber, dass wir darüber reden, warum es dieses oben/unten überhaupt gibt und was sich zudem dazwischen noch alles abspielt.

Wo die berühmte Schere zu wachsen beginnt um dann Lebensrealitäten zu schneidern ( und wer sie hält !) und am Ende genau die klaffenden Abgründe zurücklässt, in die auch ich schon gefallen bin. Weil es irgendwann aus menschlicher Kraft nicht mehr möglich ist diese Kluft zu überwinden, schon zweimal nicht ganz auf dich selbst gestellt.

Pisa-Studie, OECD-Bericht, Bildungsbericht der Bundesregierung, die Grundschulstudien Iglu und Timss, die jüngste Erhebung der Bertelsmann-Stiftung – immer und immer wieder wird das deutsche Bildungssystem untersucht, mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlichen Fragestellungen. Die Diagnose ist immer dieselbe: In Deutschland sind die Bildungschancen extrem ungleich verteilt. ( Quelle : http://www.zeit.de/2013/28/bildungsungerechtigkeit-bildungspolitik )

Die Verachtung des sogenannten ( wo auch immer dieser anfangen oder aufhören mag) Mittelstandes für sich in Armut befindende Mitmenschen mitsamt all den distanzierenden oft abfälligen Begrifflichkeiten entspringt der Angst selbst irgendwann dazuzugehören… Oder sich bereits näher zu sein als eines als Tatsache anzuerkennen bereit ist. Es verwundert nicht, dass es beispielsweise FunktionsTV- und fastfoodbashing braucht, dass dir immer wieder versichert, dass DU nicht so bist.  Wenn du dann auch noch alle second hand Klamotten in Vintage stuff umlabelst, auch weil du dir die neuesten Klamotten nicht mehr leisten kannst, dann ist hexhex wieder alles so wie es sein soll. Die Mitarbeiterin meiner Bank, die verächtlich schnaubt als sie feststellt, dass ich ein P-Konto habe und mich ab da nur noch geringschätzig abzukanzeln versucht…nur ein weiteres Beispiel, wie sich Menschen in unsicheren Zeiten stetig ihrer eigenen Rechtschaffenheit und Normalität versichern müssen.

Armut, Geschlecht, Körper , race etc. werden so immer wieder zur jeweiligen Negativschablone von der es sich positiv abzusetzen gilt. Armut zur Hipsterness zu erklären und ironisch hochleben zu lassen ist übrigens auch wenig hilfreich. Es ist es nämlich nur dann romantisch, bei Kerzenlicht im Camouflage-Trainingsanzug einen leckeren Teller Nudeln mit Ketchup zu verspeisen, wenn du dazu die freie Wahl hattest. Wenn die Kerzen brennen, weil du die Stromrechnung nicht bezahlt hast, Trainingsanzug+Nudeln mit Ketchup das Einzige sind, dass du dir noch leisten kannst bist du auf der anderen Seite, da wo keines sein will und du mitleidige Blicke zuhauf bekommst und zwar völlig kostenlos.

Was ich darüber hinaus schwierig finde sind Stimmen aus gesellschaftskritischen Kreisen, die Texten die Relevanz absprechen, je mehr sie persönlich gefärbt sind. Auch hier ein REprivatisieren von einem Thema, das soviele (und immer mehr) betrifft und dadurch mit genau den Mechanismen gedeckelt wird, die doch an anderer Stelle so vollmundig bekämpft werden (sollen). Das hätte Bourdieu ganz sicher nicht gefallen.

Stattdessen könnte eines die Energie nutzen und die eigene Position samt möglicherweise anhängender Privilegien einer ausführlichen Prüfung unterziehen.

Ich bin arm, aber ich schäme mich nicht mehr dafür.

Schweigegelübde gebrochen.

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Shocks in der Katerstadt

Es mag beginnen mit einem Schock…aber ich hoffe, am Ende stehen wir.

Ein bißchen erschüttert, ein wenig zerrüttet aber mit frohen Herzen und klaren Gedanken.

Ich, du und alle, die wir kennen (und liebhaben).

Heute:

Es ist kurz vor Zwei und es ist viel zu heiß…Gedanken braten auf schwitzigem Körpergefühl. In meinem 1Raum-Luxusschuhkarton schwimmen das Kind und ich in einem unruhigen Mittagsschlaf dem Aufwachen entgegen.

Ich höre jemanden im Hof meinen Namen sagen und schäle mich langsam aus träger Benommenheit als es auch schon an der Tür klingelt.

Davor stehen Herr und Frau criminal investigator in Zivil (und zwar jene, die immer die schlechten Nachrichten überbringen) und bitten um Auskunft und Einlass. Dank der ganzen Woche Dexter bin ich selbstverständlich bestens auf derartige Situationen vorbereitet. Nicht.

Ich gehe nachsehen ob das Kind inzwischen vollkommen erwacht ist. Da mag ja kommen wer will, der Mittagsschlaf ist heilig. Das Kind guckt mir wortlos (ungewöhnlich !) und erwartungsvoll entgegen.

Ob ich den Herrn X kennen würde. (In der Tat. Ist er doch der Vater meiner Tochter und nach langen Kämpfen auch wieder ein Freund.).

Wann ich ihn zuletzt gesehen hätte – (Gestern, als er das Kind brachte, wieso ?). Ich lasse Beide ein. An der Tür möchte ich auch nicht klären, was auch immer da zu klären ist.

Ob ich mich nicht setzen möchte. (Nein, eigentlich nicht und ihre Kollegin steht ja auch noch- btw, wollen sie sich nicht doch hinsetzen, sie machen mein Kind nervös- aber wenn sie schon mit so einem bedeutungsschwangeren Ton fragen… auch wird mir langsam ein bißchen schlecht). Das Kind ahnt das etwas ganz und gar nicht stimmt und ist wie erstarrt. Ob er Tattoos hätte und ich diese beschreiben könne. Ob ich ein Foto hätte…ich frage zum wiederholten Mal worum es zur Hölle denn gehen würde. Nun, wenn sich herausstellte, dass es sich bei gesuchter Person um Herrn X handelte hätten sie leider eine traurige Mitteilung zu machen.

Diese wäre gestern tot, mit wenigen Sachen bekleidet und auf der Straße liegend vorgefunden worden.

Stille.

Schock.

Ich beginne zu schnappatmen und zu weinen und Frau criminal investigator nimmt mich in die Arme…die Frage nach dem Photo wird wiederholt. Ich gehe zum Kind und drücke es fest an mich. Ich zittere. Ich kann es nicht fassen. Ich glaub’das nicht. Ich glaub’es wirklich nicht, ich brabbele vor mich hin, ich erkläre warum ich keine Photos zu Hand habe als mir der Computer einfällt. Ich zeige den Beiden zwei drei Bilder dort und Herr criminal investigator geht telefonieren weil er nach einer auf Fotos sichtbaren und ihm unbekannten Tätowierung fragen will. Ich bin jetzt ganz ruhig. Ich versuche das Kind zum Trinken zu bewegen. Ich rede mit Frau criminal investigator über Fahrwege zu Unis und das Wetter. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob der VaterdesKindes heute oder gestern ausgehen wollte in der Nähe des…ähm…FUNDORTES (ehrlich, diese SPRACHE im Zusammenhang mit toten MENSCHEN…) aber ich habe ein „gutes“ Gefühl. Nur kurz denke ich darüber nach, wie ich es dem Kind beibringen soll, falls ich mich irre und er es doch ist.

Herr criminal investigator kommt wieder. Er ististist es NICHT. Der gefundene Mensch hätte keine Tattoos an dieser Stelle und Tattoos verschwinden selten über Nacht. Ich habe die glorreiche Idee, den VaterdesKindes ANZURUFEN…

Nach mehrmaligen Klingeln geht der (fast)Totgeglaubte ans Telefon. Ich höre die Verwirrung, den Unglauben und das darauffolgende Herzrasen, das leicht irre Lachen…die vier Phasen des Diehamgedachtichwärtot…hust.

Was bleibt sind die Fetzen tiefsten Entsetzens, die paar Sekunden, die ich geglaubt habe, es könnte vielleicht stimmen. Mir noch nachhängend.

Nicht zu vergessen, dass es da jemanden gibt, der tatsächlich verstorben ist. Noch jung war. Wahrscheinlich Angehörige und FreundInnen hat, die in diesen Stunden kontaktiert werden. Für die aus Schrecksekunden Endgültigkeit werden. Die KriminalbeamtInnen fragen mich noch, ob ich mir vielleicht die Photos vom Toten ansehen möchten, vielleicht würde ich ihn kennen. Ich frage, ob es schlimme Bilder sind und erinnere auch an das Kind im Raum. Er würde aussehen als schliefe er…und das stimmt. Ich kenne ihn nicht. Sehe auch keinerlei Ähnlichkeiten zu (doch noch) lebenden Personen…

Außerdem nennen sie noch einen Spitznamen…hätten sie diesen gleich erwähnt, hätte ich ihnen sagen können, dass es sich relativ sicher NICHT um den VaterDesKindes handeln kann.

Wir ( d.h. wir als in die Geschichte zufällig hineingeratene Personen) wissen inzwischen, um wen es sich handelt. Die Ähnlichkeit der Vor-und Familiennamen haben höchstwahrscheinlich für die Verwechslung gesorgt. Ich lasse mich nicht weiter darüber aus, was eine gründlichere Recherche mir und dem Kind erspart hätte. Oder wieviel Rassismus darin steckt, zwei sich ÜBERHAUPT nicht ähnlich sehende Personen nur wegen demselben polnischen Vornamen und dem denselben Anfangsbustaben des Familiennamens in einen Ermittlertopf zu werfen. Angeblich hätte es noch jemanden gegeben, der den vollen Namen vom VaterdesKindes genannt hätte als die Leiche gefunden wurde mit der Aussage, es könne sich dabei um ihn handeln. Unlogisch. Denn entweder ich kenne jemanden kaum und sage, er KÖNNTE es sein…dann weiß ich aber sicher nicht ganze Namen samt Schreibweise ODER es war jemand, der ihn gut kennt, dem/der dann aber sicher kein Fehler beim Identifizieren unterlaufen wäre- der Vater des Kindes ist den Meisten auch nur mit seinem Spitznamen bekannt.

Nachdem ich, teils durch Zufall, teils weil ich beim Aufräumen alte Briefe gefunden hatte, die ganze Woche völlig mit dem Kopf/Hasenherz in der Vergangenheit hing, war dieses Erlebnis ein schlagariges eiskaltes (SO hatte ich mir das mit der Erfrischung gestern NICHT vorgestellt) In-Die-Gegenwart-Zurück-Befördert-Werden.

Herr criminal investigator ruft mich später an, um sich nochmal zu entschuldigen, sich meinen Schwall (Ich hatte mich inzwischen gesammelt) “ Was für eine shice war das denn, Schock, hätten sie uns ersparen können mit besserer Recherche, rassistisch, was passiert mit unseren Daten usw.“ anzuhören und endet mit den Worten “ Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder“. Cops mit Humor, allerliebst.

Der VaterDesKindes war dann Abends noch kurz da, das Kind schlief bereits. Wir konnten schon Witze machen, dass er doch ganz frisch aussähe für ’ne Leiche und ob das der neue Hipster-Zombie-Style wär.

Wenn so eine Situation nicht eine riesige Umarmung und ein ‚Schön, dass es dir gut geht, altes Haus“…dann weiß ich auch nicht.

Also herzt doch alle mal eure Lieben von mir und seid froh, dass ihr euch habt und es euch gut geht miteinander.