The Kids Are ALL Right

Für L. ( und auch ein bisschen für mich…)

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Berlin, 20.09.2014 : Ich bin mit Freund_innen unterwegs zu Protesten gegen den sogenannten „Marsch für das Leben“.  Da sind auch all die Kids und Jugendlichen, die auf der Seite der „Lebensschützer_innen“ mitlaufen. Dreijährige, die Schilder hochhalten ala „Danke Mama, dass du mich nicht abgetrieben hast !“. Das Treffen der Abtreibungsgegner_innen ist als Schweigemarsch konzipiert, umso besser lässt es sich von unserer Seite brüllen, lachen und Musik machen. Aber ich sehe auch, wie Kinder im Marsch erschrocken gucken. Ängstlich. Das tut mir weh. Ich will das nicht. In unseren Reihen sind auch Menschen mit Kindern, aber gefühlt viel weniger. Weil ich vom Gewaltpotential der Abtreibungsgegner_innen weiß, aber auch von dem der sie schützenden Polizei, habe ich das Kind woanders gelassen.

Zuhause muss ich den dort erlebten Gefühlssturm erstmal in kleine verdaubare Happen zerlegen.

Ich überlege, wie ich dem Kind erklären würde, was wir dort gemacht haben.

Als Erstes ist da Wut. Viel Wut. Es ist die Selbstverständlichkeit mit der dort auf der anderen Seite Menschen laufen, die glauben, dass sie mir vorschreiben dürfen wie ich mit meinem Uterus zu verfahren habe…die gleiche Selbstverständlichkeit, mit der sie mir dann absprechen, dass das Kind und ich und alle die sich noch kümmern, auch eine Familie sind.

Ich möchte ihnen ihre Selbstverständlichkeiten vor die Füße mit den schicken Schuhen spucken.

Dieses ganze Gerede vom Schutz des Lebens.

Was für ein gequirlter Haufen Mist.

Das wäre zum Beispiel mein Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Mein Körper, meine Wahl ! Mitnichten.

In ihren Augen gehören Menschen mit Uterus offenbar der Allgemeinheit. Mein Körper als ihr erweiterter Besitz. Ich soll zwar darüber schweigen, wenn ich Blut und Schleim absondere oder es ja nicht wagen, mir selbst Genuss zu verschaffen. Sobald sich in mir aber Zellen teilen, die möglicherweise irgendwann ein Baby ergeben, geht es plötzlich alle an. Ist das päpstliche Brandzeichen auf meinem Uterus eigentlich auch beim Ultraschall sichtbar? Sollte das Kind dann jedoch anders als auf heterosexuelle Art entstanden sein, hat es schon wieder sein Recht auf Leben verwirkt. SO geht das nicht ! Abscheulich ! Da sind sich Leute wie Sybille Lewitscharoff und Co. einig. Sich derart gegen G’tt und die „natürliche Ordnung“ aufzulehnen, kann nur Sünde sein. Ich bin keine Christin*, aber wäre ich eine, würde ich eher davon ausgehen, dass G’tt alle Geschöpfe liebt und es ihr egal ist, wie sie enstanden sind.

Wo bleibt die Sorge um all die Inter*TransKids und queeren Heranwachsenden, die in repressiven Haushalten groß werden müssen ? Sicher auch nicht wenige in den Haushalten der sogenannten Lebensschützer_Innen. Die hohe Suizidrate von LGBTI*Kids dabei erschreckend wie wenig überraschend.

Habe ich all die Märsche und Demonstrationen der „besorgten Eltern“ verpasst, bei denen es darum ging annehmbare Lebensbedingungen für Flüchtlingskinder zu erkämpfen, welchen mitunter sogar das Recht auf notärztliche Hilfe versagt wird ?

Wieso stört es die „besorgten Eltern“ nicht, dass (sexualisierte) Gewalt in den eigenen Reihen so selten Thema ist ? Soll das mich wütend machende Gleichsetzen von queers mit Pädokriminellen etwa von solchen Tatsachen ablenken ? Als fände (sexualisierte) Gewalt gegen Kinder nicht ÜBERALL statt. Noch mehr dort wo Erwachsene denken, dass Kinder ihnen gehören und über sie zu verfügen sie jedes Recht haben. Wo bedingungsloser Glauben an eine Autorität verlangt wird und nicht angezweifelt oder hinterfragt werden darf.  Wo sich die Macht Erwachsener ungehindert ausbreiten kann und Umfeld, näheres und weiteres danach wieder von nichts etwas mitbekommen haben will…wer jedoch wegsieht und zulässt ist mindestens mitverantwortlich.

Wir müssen darüber reden, was Menschen, deren sexuelle Präferenz sich auf Kindern bezieht und die im besten Fall noch nicht pädokriminell gehandelt haben, mit uns zu tun haben. Wenn  75-80 % derer, die dann Täter_innen geworden sind aus dem näheren Umfeld eines Kindes kommen kann das auch bedeuten, dass du und ich nicht nur Betroffene kennen sondern auch (mögliche) Täter_innen. Dies als Möglichkeit überhaupt anzuerkennen fällt schon schwer. Das Feld der rechtspopulistischen Front zu überlassen, die beim großmauligen Fordern der Todesstrafe für Pädokriminelle ohnehin nur weiß-deutsche Kinder meint, schützt aber ganz sicher kein Kind vor Übergriffen. Alles auszusperren und weit von uns zu weisen, was eigene Handlungsweisen anrühren oder einen weiteren Bogen zu gesamtgesellschaftlichen Strukturen spannen könnte, halte ich sogar für gefährlich.

Ich will einen ehrlichen Austausch darüber, nicht zuletzt auch weil von (sexualisierter) Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche manchmal selbst zu Täter_innen werden können. Es muss Platz geschaffen werden für alle A bis Zs, die sich da auftürmen, wo junge Menschen Gewalt erfahren (haben).

Wo bleibt der Aufruhr darüber, dass nicht-weiße Kinder und Jugendliche permanent Rassismus ausgesetzt sind, nicht selten auch durch Erzieher_innen und Schulpersonal ?

Warum  rührt die „besorgten Eltern “ nicht, dass Kinder aus sogenannten prekären Verhältnissen gegen Flüchtlingskinder ausgespielt werden in dieser widerlich-zynischen „Kümmert euch doch erst mal um die Armut hier bevor ihr etwas für die tut“-Manier. Nur um an anderer Stelle genau denselben Kids die Chance auf Glücklichsein mit wenig Geld abzusprechen. Wie es eben gerade passt. Als ob Kids mit armen Eltern nicht auch eine tolle Kindheit haben können, als ob Gewalt oder nicht eine Frage des Kontostandes wäre. Oder der Bildung.

Nicht, dass ich nicht gut verstehe, wie blank die Nerven liegen können, wenn das Geld nicht für die Miete reicht oder das Essen rationiert werden muss. Wenn einer*die Existenzangst säurige Löcher in die Magenwand brennt.

Wo sind sie eigentlich die ganzen „besorgten Eltern“ und „Lebensschützer_innen“, wenn es darum geht Hebammen zu supporten, die doch neben den gebärenden Menschen selbst die wichtigsten Menschen bei einer Geburt sind ?!?

Diese „besorgten Eltern“ sorgen sich in Wahrheit um ihre Privilegien. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Nächstenliebe und dem angeblichen Schutz jedes Lebens liegt auch nur altbekanntes patriarchales Besitzdenken, dass Frauen* und Kinder nicht sich selbst sondern dem „großen Vater“ gehören. Alle Kinder sind wohl gleich, aber manche eben gleicher…und wer es wagt an der heteronormativen Ordnung zu rütteln muss mit allen Mitteln bekämpft werden.

Dass viele christliche Fundis Teil der Neuen Rechten sind, die überall in Europa wächst, ist nur ein weiteres Indiz, worum es den „Lebensschützer_innen“ wirklich geht.

 

Ich schreibe auch als das Kind, der Teenager, der Ablehnung von einem seiner Elternteile erfahren hat…weil ich bin, was ich bin.

Diese Wunden können kaum verbunden werden, heilen nur schlecht: Sich nicht angenommen, missachtet und ungewollt zu fühlen von denen die uns zuerst am nächsten sind und uns ihre Akzeptanz und Liebe verweigern, uns wehtun…ein wahrlich schlechter Start ins Leben.

Trotzdem gibt es auch für uns dieses gute Leben. Mit Menschen, die uns achten, respektieren, lieben. Wie wir sind…

…und weil nicht DNA eine Familie macht sondern Liebe, sind wir auch eine.

Egal, was manche sagen mögen.

Zum Schluss noch ein paar Worte an die, die sich selbst als antidiskriminierend und emanzipatorisch verstehen und dann trotzdem Sachen sagen wie „Ich mag keine Kinder !“ oder sich in linken Räumen immer von Kindern gestört fühlen und nicht davon ausgehen, dass Politik machen auch mit Kids zusammen möglich sein muss:

Ihr seid Teil des Problems.

Habt ihr vergessen, dass ihr selbst mal Kinder wart ? Das Kindheit für die Meisten von uns die erste Erfahrung mit Ohnmacht darstellte, mit dem Gefühl von Unterlegenheit gegenüber den Erwachsenen….und wie passt das alles eigentlich mit eurem anti*istischen Anspruch zusammen ? So sehr ich auch die Angst und die Unsicherheit im Umgang mit kleinen Menschen verstehen kann, so sehr ich selbst die „heilige“ Gleichung MutterVaterKind in Frage stelle und der Volksgesundheit mehr als einen Schnupfen wünsche, kann ich so eine Haltung nur daneben finden. Weil Kinder nämlich auch Individuen sind, kleine Personen mit dem gleichen Recht auf Achtung und Respekt und Wahrung ihrer Würde. Ihr spielt den „besorgten Eltern“ und selbsternannten Lebensschützer_innen damit nur in die Hände…

 

Alles Gute zum Kindertag ❤ !

 

Vielen Dank für die Formulierungshilfe an @theRosenblatts ❤

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6 Antworten zu “The Kids Are ALL Right

    • Hej ❤ ! Die Formulierungshilfe brauchte ich bei " Menschen, deren sexuelle Präferenz sich auf Kinder bezieht "…und die aber eben (noch) nicht übergriffig geworden sind und auch daran interessiert sind, dass es so bleibt. In Abgrenzung zu den Hassbatzen, denen es vor allem um Macht und Überlegenheit geht und denen betroffene Kids u.Jugendliche egal sind. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwerfällt Worte zu finden, aber dieser Teil des posts war echt eine Qual….nichtsdestotrotz finde ich es wichtig, darüber zu reden. Aus so vielen Gründen…

      • Ah, ok. Dann lag ich falsch.

        Voll wichtig. Sowieso, ein super Text aus dem ich gute Gedanken mitgenommen habe.
        Gut im Sinne von wichtig, schön natürlich nicht.

  1. Liebe*r Alsmenschverkleidet, genau mit dem Ausdruck „Menschen, deren sexuelle Präferenz sich auf Kinder beziehen“ habe ich ein Problem. Es ist eine achtsame Formulierung gegenüber ebenjenen, aber mir fehlt die Perspektive des Kindes, auf das sich so eine „Präferenz“ richtet. Auf mich wurde so ein Blick gerichtet, von meinem Vater, als ich Kind war, ohne dass sichtbare Übergriffe stattfanden. Es fühlt sich als permanente Bedrängung und Bedrohung an. Es IST in sich eine Bedrängung und Bedrohung. Gefühle des Ekels und der Hilflosigkeit kommen noch dazu… Aus der Perspektive der (potentiell) Betroffenen ist das keine einfache Präferenz. Und ich will nicht, dass mein Vater Lob dafür bekommt, dass er abgesehen von „versehentlichen“ Berührungen/Belästigungen nicht von außen objektiv nachweisbar nach seiner „Präferenz“ gehandelt hat.
    Auf netzwerkB hat eine Kommentatorin das mal sehr gut beschrieben: es handelt sich um sexuelle Machtphantasien, die auf Kinder gerichtet sind. Und genau so fühlt sich das nämlich an, wenn sich so ein Blick auf eine richtet.

    Wenn es eine einfache Präferenz wäre, so wie es sexuelle Orientierungen sind, wieso benötigen diese Menschen denn nach gängiger Auffassung „Hilfe“ nicht danach zu handeln? Benötigt ein heterosexueller Mann „Hilfe“, Frauen nicht zu vergewaltigen? Ich finde diese Parallele macht deutlich, wohin sich das Mitgefühl in so einer Machtkonstellation richtet. Wer in Wirklichkeit Hilfe braucht, sind die (potentiell) Betroffenen, die potentiellen Täter*Innen brauchen demgegenüber klare Grenzsetzungen. Wieso sollte auch bei einer Präferenz der Übergriff oder die Neigung dazu automatisch enhalten sein? Wieso wird diese Vermischung bei Pädos so akzeptiert? Meine Vermutung: weil die Pädoaktivisten ihre Argumentationsschiene geschickt in Mainstream-Diskurse eingespeist haben, was auch deshalb so gut funktionierte, weil die ohnehin lieber auf Täter- als auf Betroffenenseite stehen. Einen tollen Artikel dazu gibt es hier: http://ansichtssache.blogsport.eu/2014/10/21/ueber-die-aktuelle-richtung-des-diskurses-in-den-medien/.

    Es ist ein ganz alter Argumentations-Hut der Pädoaktivisten, sich als verfolgte Minderheit darzustellen und sich in einen Reihe mit Schwulen und Lesben darzustellen. Eine perfide Masche, um sich als Opfer darzustellen und für Sympathien zu werben, bzw. für das Recht auf Kind, das sie gerne hätten (und sich ja meist ohnehin nehmen, nur im Verborgenen. Ihre Arbeit zielt darauf ab, es auch offen zu dürfen, wie die Pädopartei in den Niederlanden). Sie hatten mit dieser Masche früher ja auch Erfolg, das wird inzwischen teilweise aufgearbeitet, bei den Grünen, in der Schwulenbewegung usw. (hier z.B.: http://www.queer.de/detail.php?article_id=23812).

    Bei den wenigsten, die Kindern sexuelle Gewalt antun, ist so eine „Neigung“ im Sinne von „Pädophilie“ (ein übel verharmlosendes Wort) übrigens feststellbar. Es geht um Ausleben von Machtphantasien, um Willensbrechen bei einem Kind auf sexueller Ebene. Und das zu verhindern muss im Fokus stehen.

    Ja, und dass Rechte da laut tönen, ist ziemlich scheiße. Es wäre aber wichtig, dass sich linkerseits klar positioniert wird und nicht implizit wieder diese alte pro-pädophile Leier ertönen zu lassen. Und die homofeindliche Argumentation der Rechten/Rechtskonservativen mit der Gleichsetzung von Schwul = pädophil darf nicht davon abhalten, zu gucken und aufzuarbeiten, wo und wie Pädos eben tatsächlich in die Schwulenbewegung integriert wurden oder es eventuell immer noch sind. Deswegen finde ich den Artikel auf queer.de auch so wichtig. So eine Aufarbeitung aus Abwehr vor der Argumentation der Rechten einfach abzuwehren, spielt nämlich nur den Pädos in die Hände.

    Sorry für den langen Kommentar, aber das musste ich loswerden.

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